| Friday, 04.10.2019 Liminale Körper

Existentielle Grenzerfahrungen: Das Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit

Sofern KünstlerInnen wie Hannah Wilke, ORLAN oder Gregor Schneider mit ihren Werken Bilder der Gewalt kreieren, so unterschätzen sie mitnichten die Gewalt der Bilder, welche diese auf ihre Betrachter auszuüben vermögen. Ganz im Gegenteil setzen sie in die Tat um, was Antonin Artaud bereits im Jahre 1936 zur Grundlage eines Erkenntnisgewinns über unser zeitlich begrenztes Körper-Haben und Leib-Sein anempfohlen hatte: „Und deshalb schlage ich das Theater der Grausamkeit vor. […] Und auf der Ebene der Vorführung handelt es sich nicht um jene Grausamkeit, die wir uns gegenseitig antun können, [...] sondern um die sehr viel schrecklichere und notwendigere Grausamkeit, welche die Dinge uns gegenüber üben können. Wir sind nicht frei. Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen. Und das Theater ist dazu da, uns zunächst einmal dies beizubringen.“1
Der humane Erkenntniswert, den Artaud sich in Folge einer derartigen Einsichtnahme verspricht, lässt sich bis auf die aristotelische Katharsislehre zurückverfolgen und wird aus neurobiologischer Sicht und durch das Mittun der uns eigenen Spiegelneurone bestätigt: Das Leiden des Anderen zu betrachten, verspricht nach griechischer Erkenntnis des Altertums befreiende Abreaktion, denn die Dramen des Lebens auf der Bühne nachgespielt zu sehen, setzt gemäß Inkrafttreten unserer Spiegelneurone ein mitfühlendes Nachempfinden im Zuschauer in Gang.
Was aber, wenn ein solches Schauspiel der Wirklichkeit entspricht? Wenn sich ORLAN selbst bei vollem Bewusstsein in den operativ geöffneten Leib blickt und blicken lässt, wenn Hannah Wilke im Jahr 1993 wirklich ihren zur Schau gestellten Wundmalen erliegt, und wenn Gregor Schneider uns mit tatsächlichen Leichnamen konfrontiert? Die schockhafte Wirkung der hier angedeuteten Bilder überfordert um Längen die empathischen Gefühle des Betrachters und es setzt stattdessen schockhafter Affekt ein. Jill Bennett und Gilles Deleuze bezeichnen derartige Bilder als „encountered sign“, welches ein „more effective trigger for profound thought“  darstelle. Profunde Überlegungen angesichts von Werken, die ein Wiedererkennen des Selbst im Anderen erwirken können: “Ich sehe mich, weil man mich sieht.“
Dem Rezipienten diese Schwellerfahrung zu ermöglichen, lässt diesen in einem kurzen Moment der „Abständigkeit von sich selbst“   die eigene Sterblichkeit erkennen und wir kommen zu der Gewissheit: es sind eben nicht immer nur die anderen, die sterben.

 

 

1 Antonin Artaud, „2. Brief an Jean Paulhan, 6. Januar 1936“, in: DERS., Das Theater und sein Double. Das Théâtre de Séraphin (Paris 1964), Frankfurt am Main 1969, S.84-85.