| Friday, 04.10.2019 Theorien des Liminalen

Gegen Selbstbezogenheit. Szenarien der Grenzüberschreitung im frühen russischen Konstruktivismus

Der russische Konstruktivismus kann problemlos als paradigmatisches Beispiel einer liminalen künstlerischen Praxis bezeichnet werden, war es ihm doch darum zu tun, künstlerische Aktivität aus ihrer gesellschaftlichen Autonomie und Folgenlosigkeit heraus in soziale Operationalität zu überführen, d.h. ihre Beteiligung am Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zu ermöglichen. In Bezug auf die konkreten künstlerischen Strategien wird dieser Anspruch häufig direkt mit bildkritischen Verfahren verbunden: Die Überwindung gesellschaftlicher Distanz beruhe im Konstruktivismus auf der Zerstörung des Scheincharakters des Bildes durch produktionslogische Selbstreflexion – einer von den konstruktivistischen Künstler/innen entwickelten und als Konstruktion bezeichneten Methodik . Die Konstruktion führe zu einem Nullpunkt an Reflexivität, an dem das Werk schließlich das ‚Reale‘ berühre und auf es einwirken könne.
Diese reizvolle Theoretisierung der konstruktivistischen Grenzüberschreitung geht allerdings in mikrohistorischen Analysen des frühen Konstruktivismus und seinen Versuchen der Abkehr von traditionellen Kunstkonzepten nicht widerstandslos auf. Tatsächlich weisen die Werklogiken der künstlerischen Arbeiten der sog. Arbeitsgruppe der Konstruktivisten, welche im Frühjahr 1921 am Moskauer Institut für Künstlerische Kultur (INChUK) gegründet wird, signifikante Abweichung vom Prinzip der Konstruktion auf: zu den repräsentationskritischen Setzungen gesellen sich Formen ‚repräsentationaler‘ Referenzialität.
Mein Vortrag wird diesen Phänomenen anhand des wohl bekanntesten Konvoluts konstruktivistischer Objekte und deren Display auf der ersten öffentlichen Ausstellung der Arbeitsgruppe im Mai 1921 nachgehen und deren Verhältnis zu den theoretischen Debatten der Konstruktivist/innen am INChUK rekonstruieren. Ich werde dabei zeigen, dass es sich bei den Störeffekten nicht um ‚falsche‘ Formen der Aufhebung von Kunst in Lebenspraxis handelt, sondern um explizite Wendungen gegen das Prinzip der Konstruktion. In einer enormen Komplexität bringen die konstruktivistischen Objekte somit selbst und in ihrer Beziehung zueinander unterschiedliche Szenarien der Überwindung ihrer Distanz zu den Prozessen des Sozialen zur Aufführung.